Format(e) des Geschmacks

„De Gustibus non…“ lehrt ein Sprichwort, für Geschmack streiten hingegen schon. Daher wollen wir im Rahmen eines Symposiums den Strukturen und Bewegungen dieses Formats und seiner Formate nachspüren. Hierzu diskutieren und degustieren wir gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Kunst, Kulinarik und Gastrosophie Gegenstände der zeitgenössischen Geschmackskultur. Dabei verlangen die Mängel der Globalisierung im Hinblick auf eine kulinarische Gesellschaft nicht erst seit der Erkenntnis, „dass die Massenproduktion von Nahrung zur Zerstörung von Ökosystemen führt“, immer dringender nach globalen Antworten auf Fragen wie:

Gibt es – unabhängig von Einkommen und Vermögen – ein (Menschen-)Recht auf Geschmack und Genuss? In welcher Beziehung stehen kulinarische und politische Mündigkeit; welche politische Funktion hat individuelle Geschmacksbildung? Welche Funktion besitzen kulinarische Sozialisation und Sensibilisierung für die Entwicklung der Gesellschaft; welche Perspektiven eröffnen sie? Wie lässt sich ein Kriteriensystem für bewusstes und verantwortungsvolles kulinarisches Handeln formulieren? Und letztlich: Inwieweit kann Nahrung als neues Paradigma bei der Suche nach Auswegen aus der weltweiten (Wirtschafts-)Krise dienen?

Der Geschmack ist ein Sinn der Unterscheidungskraft und ein Format der Urteilsfindung. Geschmack nimmt wahr, wägt ab und setzt in Bezug zu einem größeren Ganzen. Anhand der Ähnlichkeit und Differenz von Merkmalen lassen sich Zuordnungen treffen – etwas stimmt mit dem „guten Geschmack“ überein oder weicht davon ab; geht man vom Ursprung des Wortes aus, stellt der Geschmack die letzte sinnliche Instanz dar, bevor wir uns etwas einverleiben, und wird damit zur Bedingung unseres Überlebens: Bei der notwendigen Unterscheidung zwischen genießbarer und ungenießbarer Nahrung.

Geschmack ist Programm. Die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion hat Argwohn geweckt. George Orwell hielt Konservendosen für eine gefährlichere Waffe als das Maschinengewehr. Spätestens wenn es um das Nahrungsverhalten ganzer Bevölkerungsgruppen geht, ist das Programm nicht mehr nur ästhetisch, sondern auch politisch. Der Verbraucher hat das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Produktion und Konsum verloren. Die gesundheitlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklungen erscheinen zunehmend bedrohlicher. Gleichzeitig zelebriert die kulinarische Avantgarde Kompositionen von immer größerer Komplexität. Die Spitzengastronomie lässt größte Sorgfalt bei Anbau, Zucht und Auswahl ihrer verwendeten Produkte walten und treibt die Kultivierung des Geschmacks in ungekannte Höhen.

Geschmack ist auch ein Bildungsprogramm. Denn erst Erfahrungen eröffnen die Möglichkeit, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden. Doch wo die Nuancen im Einheitsbrei verschwinden, wenn man nur noch Convenience kennt, droht diese Fähigkeit zu schrumpfen. Gegenbewegungen wie Slow Food treten auf den Plan und fordern die Rückkehr zur traditionellen und regionalen Produktion für einen bewussten Genuss. Gerade heute erscheint uns daher die Dringlichkeit nach kulinarischer Sensibilisierung ebenso unterschätzt wie notwendig. Hierbei verheißt das Streiten für Geschmack letztlich Hoffnung auf eine Schärfung des Bewusstseins für globale gesellschaftliche Zusammenhänge durch einen bewussten kulinarischen Lebensstil.

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